Heilkraft Bewusstsein

Methode des Umgekehrten Kultus

Ein Weg von Mensch zu Mensch

Der Umgekehrte Kultus ist ein von Rudolf Steiner in der GA 257 (Anthroposophische Gemeinschaftsbildung) beschriebener Weg, in dem die Begegnung von Mensch zu Mensch zu einem Ort geistiger Entwicklung werden kann.

Im Mittelpunkt stehen die vier Bewegungen:

Kommunion – Wandlung – Opferung – Offenbarung

Sie beschreiben einen Prozess, in dem sich die menschliche Begegnung immer weiter vertiefen kann. Aus der unmittelbaren Begegnung entsteht ein Raum der Wandlung. Persönliches kann sich verwandeln und in den Dienst eines Grösseren gestellt werden. Dadurch kann sich eine neue Form der Wahrnehmung und Offenbarung eröffnen.

Die Frage ist dabei nicht nur:
Wie können Menschen gut miteinander umgehen?

Sondern vielmehr:
Was geschieht, wenn Menschenseele an Menschenseele erwacht?

Und:
Kann die menschliche Gemeinschaft zu einem Ort werden, an dem sich die geistige Welt offenbart?

 

Der Umgekehrte Kultus als Erfahrungsweg

Die vier Stufen des Umgekehrten Kultus können nicht einfach als ein festgelegtes Programm «durchlaufen» werden. Sie sind vielmehr Bewegungen, die sich in einer Gruppe ereignen können.

Kommunion

Eine wirkliche Begegnung beginnt mit der Bereitschaft, den anderen Menschen wahrzunehmen. Nicht nur als Rolle, Funktion oder Persönlichkeit, sondern in seiner ganzen menschlichen Wirklichkeit.

Wandlung

In der Begegnung können sich gewohnte Vorstellungen, Sicherheiten und Muster bewegen. Was bisher fest erschien, kann sich verändern. Die Begegnung wird zu einem Raum der inneren Wandlung.

Opferung

Persönliches kann zurücktreten und sich in einen grösseren Zusammenhang stellen. Dies bedeutet nicht Selbstaufgabe, sondern die Bereitschaft, etwas Eigenes loszulassen, damit etwas Neues entstehen kann.

Offenbarung

Wo Menschen sich in dieser Weise begegnen, kann sich eine neue Wahrnehmung eröffnen. Etwas wird sichtbar, was nicht aus dem einzelnen Menschen allein hervorgeht, sondern durch die gemeinsame Arbeit entsteht.

 

Die Sprache des Herzens

Damit eine solche Begegnung möglich wird, braucht es eine besondere Aufmerksamkeit für die Art und Weise, wie wir miteinander sprechen und einander zuhören.

Die Leitsätze für eine Sprache des Herzens bilden dafür eine wichtige Grundlage.

Sie sind keine Kommunikationsregeln und kein neues «Modell» für gelingende Kommunikation. Sie sind vielmehr eine Einladung, die eigene Wahrnehmung zu schärfen und die Qualität der Begegnung bewusst zu erforschen.

Im Zentrum stehen Fragen wie:

  • Spreche ich wirklich aus meiner eigenen Wahrnehmung?
  • Kann ich zwischen Wahrnehmung und Interpretation unterscheiden?
  • Übernehme ich Verantwortung für mein eigenes Erleben?
  • Kann ich zuhören, ohne sofort zu bewerten oder zu antworten?
  • Wage ich es, das Wesentliche auszusprechen?
  • Kann ich Unterschiede und Spannungen aushalten?
  • Was geschieht in mir – und was geschieht zwischen uns?

Die Leitsätze schaffen dadurch einen Raum, in dem die Begegnung selbst zum Gegenstand der Wahrnehmung wird.

 

Gemeinschaftsbildung als Türöffner

Ein weiterer methodischer Zugang ist die Gemeinschaftsbildung nach Scott Peck.

Sie beschreibt einen Gruppenprozess, in dem eine Gemeinschaft durch verschiedene Phasen hindurchgehen kann:

Pseudo → Chaos → Leere → Gemeinschaft

Dieser Prozess kann als ein wichtiger Türöffner für die Arbeit am Umgekehrten Kultus verstanden werden.

Die Gruppe beginnt häufig in einer Phase der Pseudo-Gemeinschaft: Man begegnet sich freundlich, versucht Harmonie herzustellen und vermeidet möglicherweise das, was schwierig oder konflikthaft ist.

Im Chaos werden Unterschiede, Spannungen und persönliche Muster sichtbar. Die Gruppe steht vor der Aufgabe, diese nicht vorschnell zu überwinden, sondern bewusst auszuhalten und zu durchdringen.

In der Leere können Erwartungen, Rollen und gewohnte Vorstellungen allmählich zurücktreten.

Dadurch kann eine neue Qualität von Gemeinschaft entstehen.

Die Gemeinschaftsbildung nach Scott Peck ist dabei nicht das Ziel des Umgekehrten Kultus. Sie kann vielmehr einen Erfahrungsraum öffnen, in dem die tieferen Bewegungen des Umgekehrten Kultus erfahrbar werden können.

Leitsätze für eine Sprache des Herzens

Die Leitsätze bilden das konkrete Handwerkszeug für die Begegnung.

  1. Nenne deinen Namen, bevor du sprichst – öffne den Raum für bewusstes Zuhören
     
  2. Sprich persönlich und spezifisch – verwende Ich-Aussagen
     
  3. Sprich, wenn du zum sprechen bewegt bist, – sprich nicht, wenn du es nicht bist
     
  4. Beziehe dich und andere mit ein – vermeide es, auszugrenzen
     
  5. Sei emotional präsent
     
  6. Teile deinen Unmut mit der Gruppe – nicht außerhalb des Kreises
     
  7. Lass dich ein, bleib dran. Vertraue dem Prozess
     
  8. Sei verantwortlich für deinen Erfolg und den der Gruppe
     
  9. Teilnahme kann verbal oder nonverbal sein
     
  10. Bewahre absolute Vertraulichkeit
     
  11. Beobachte dich selbst und andere mit Toleranz
     
  12. Habe den Mut, dich unvollkommen zu zeigen
     
  13. Kultiviere spirituellen Idealismus
     
  14. Zeige Ehrerbietung
     
  15. Bringe lebendiges Herzdenken und ausgerichtete Willenskräfte ein
     
  16. Sei offen für Inspirationen aus der geistigen Welt
     
  17. Kultiviere die 6 Nebenübungen im Sinne der Gemeinschaftsbildung

 

Die Leitsätze helfen, die Aufmerksamkeit auf die Qualität der menschlichen Begegnung zu lenken. Dabei geht es nicht darum, eine bestimmte Form des Sprechens zu «beherrschen».

Vielmehr geht es um eine innere Bewegung:

wahrnehmen – innehalten – unterscheiden – sich zeigen – zuhören – loslassen – sich öffnen

Die Sprache des Herzens wird dadurch zu einer Praxis der Bewusstseinsbildung.

 

Ein gemeinsamer Forschungsweg

Die Methode des Umgekehrten Kultus verbindet damit drei Ebenen:

Die geistige Grundlage
Rudolf Steiners Beschreibung des Umgekehrten Kultus und seiner vier Bewegungen.

Die konkrete Begegnung
Die Leitsätze für eine Sprache des Herzens als Übungs- und Forschungsweg.

Der Gruppenprozess
Die Gemeinschaftsbildung nach Scott Peck als möglicher Türöffner für eine tiefere Form gemeinschaftlicher Erfahrung.

Diese Ebenen stehen nicht nebeneinander. Sie können sich gegenseitig durchdringen.

Der Umgekehrte Kultus wird dadurch zu einem gemeinsamen Forschungsweg:

Wie können Menschen sich begegnen, dass eine tiefere Wahrnehmung entsteht?

Wie kann persönliche Entwicklung in den Dienst der Gemeinschaft treten?

Wie kann Gemeinschaft zu einem Ort werden, an dem sich eine geistige Wirklichkeit offenbaren kann?

 

Und schliesslich:

Was geschieht, wenn Menschenseele an Menschenseele erwacht?